09 Januar 2018

9 Jahre danach: Geburtsbericht- ein Rückblick auf meine 2 Geburten Teil 1



Die erste Geburt

Seit vielen Jahren, genauer gesagt, seit 8 Jahren schwebt mir ein Gedanke im Kopf herum: meine ganz persönlichen Erfahrungen zu meinen Geburtserlebnissen mit euch zu teilen. Jedoch brachte ich es zwar in kleinerem Rahmen über die Lippen, Einblick zu geben in meine Erfahrungswelt, jedoch war ich bis heute nicht dazu bereit, dies auch publik zu machen. Bei genauerem Hinsehen habe ich die Idee flugs wieder verworfen, da der Gedanke aufkam: nichts ist so persönlich wie seine eigenen Erfahrungen und Emotionen über das Geburtserlebnis. Und: ich möchte meine LeserInnen weder verängstigen noch irgendwelche Tipps oder Ratschläge erteilen, denn jeder Geburtsverlauf ist so unterschiedlich wie wir Menschen es sind. Ich hege eine Aversion dagegen, Menschen und in diesem Fall gebärende Frauen wegen gesetzter Schritte im Geburtsprozess zu verurteilen oder gewisse Abläufe wertend zu behandeln, weil ich finde: eine Situation ist lediglich aus sich heraus begreifen, und für jeden Außenstehenden nicht spürbar. Wir können all die Ängste, Wünsche und Begleitgründe, warum wir so und nicht anders gehandelt, nicht in dem Maße nachvollziehen wie die Protagonistin und ihre Gefühlswelt selbst.

 So habe ich meinen Erfahrungsschatz gehütet und verborgen gehalten. Ich war als Mamabloggerin nicht bereit, mein Erlebtes einer breiten Masse zur Verfügung zu stellen, und ich beschloss, in erster Linie für mich ganz persönlich ein Resümee zu ziehen und die sowohl für mich als auch des Babys traumatischen Erlebnisse in den Jahren, die darauf folgten, zu verarbeiten. In den ersten Jahren nach dem negativen Geburtserlebnis hatte ich enorme Probleme, mich dem Thema Geburt in positiver Weise anzunähern, und je mehr ich mich mit dem für mich derart traumatischen Geschehnis befasste, und je mehr ich mich danach sehnte, eine plausible Antwort dafür zu finden, warum dieses und jenes auf genau diese Art und Weise geschah, desto mehr machte sich die Verzweiflung über das in der Situation empfundene Gefühl des "Ausgeliefertseins" breit. Dieses Gefühl der Fremdbestimmung veranlasste mich Jahre später dazu, doch noch einen positiven Zugang zum Thema Geburt zu finden.

Der Wunsch nach einer interventionsarmen selbstbestimmten Geburt stieg von Jahr zu Jahr an.




Die zweite Geburt


Als der Goldjunge 6 Jahre darauf das Licht der Welt erblickte, trat die positive Wende zum Thema "Geburt" ein. Ich hatte die negativen Assoziationen, die ich mit einer Geburt in einer Klinik verband, ad acta gelegt. Selbstbewusst und voller Lebensenergie suchte ich im letzten Drittel meiner Schwangerschaft eine von mir gewählte kleinere Geburtsklinik mit familiärem und kompetentem Ruf auf, und ich war der inneren Überzeugung: dieses Mal bin ich in meiner Kraft und lasse all die negativen Erfahrungen hinter mir. Meine innere positive Einstellung, eine einfühlsame Begleitung vor Ort und die physischen Gegebenheiten ermöglichten eine selbstbestimmte interventionsarme Geburt, so wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Das Geburtstraumata schien überwunden, und in den Jahren, die zwischen erster und zweiter Geburt lagen, arbeitete ich intensiv an mir selbst, machte mich mit Entspannungsmethoden wie Yoga und progressiver Muskelentspannung vertraut und gewann eine komplett neue Sichtweisen nicht nur in Hinblick auf die Geburt sondern auch auf das Leben generell. Achtsamkeit und Stressreduktion waren Themen Nummer eins, die mich überall hin begleiteten.
Die Geburt des Goldjungen hatte einen ähnlichen Verlauf wie die erste. Hoher Blasensprung nach Mitternacht, zögerliches Einsetzen der Wehen, die Fahrt ins Krankenhaus während Herr W beim Nachtdienst im Einsatz war. Mit dem einen gravierenden Unterschied: Instinktiv wusste ich, was zu tun war, überließ dem Körper das Tun und machte zielstrebig das, was mir gut tat: ich ging, ging und ging. Ich marschierte gut gelaunt und voller Tatendrang und mit einem Lächeln voller Zuversicht über Stunden hinweg durch das gesamte Geburtshaus, ja ich vertrat mir sogar in der Outdooranlage die Füße und liebäugelte mit der Idee, den kleinen Bach aufzusuchen, und beim Einsetzen der Wehen hielt ich inne und benutzte meine Atmung. Sie erwies sich als wertvollste Technik im gesamten Geburtsprozess. Alles lief hervorragend und konträr zu meinem ersten horrenden Geburtserlebnis, in dem ich rückblickend wie gemeißelt, unfrei und extrem geschwächt war. Als Julia, die junge Hebamme mich zu Dienstantritt mit einem sympathischen Lächeln begrüßte, war mir auf Anhieb klar: dieses Mal würde anderes werden. Die Hebamme, die ich zu Beginn anders einschätzte, als ich annahm (und die meine Annahme durch ihre Erzählungen bekräftigte, indem sie behauptete, sie sei ein regelrechter Jungspund an der Klinik und es läge noch nicht allzu weit zurück, dass sie von der FH ans Krankenhaus wechselte) stellte sich als wahrer Segen im Laufe der Geburt heraus. Sanft, zurückhalten und sehr kompetent und stark in den schwierigen Momenten, in denen ich nach Rückhalt, Sicherheit und Geborgenheit verlangte. Ja, ich war es tatsächlich nicht gewohnt, dass eine Hebamme, vorausgesetzt sie erkennt die Stärke und das intuitive Handeln der Gebärenden, ohne dass ein Eingreifen ihrerseits notwendig wäre, dem Geburtsprozess derart zurückhaltend gegenüberstand. In manchen Situationen schlich sich in mir sogar der wertende Geist ein, indem Gedanken wie: "sollte sie nicht mehr tun, mehr sagen, wieso ist sie mich mit dem freundlichsten Lächeln auf ihren Lippen derart zuversichtlich?! "einschlichen. Rückblickend war es genau das, was ich benötigte, um aus mir heraus in meine volle Kraft zu kommen,  und die letzten intensiven Wellen, die mich trotz Veratmung ganz schön mitnahmen, zu meistern. Auch während der letzten Phase, die ich im Kreissaal verbrachte, spürte ich ganz klar das Verlangen nach Bewegung -auch wenn dies in anderem Ausmaß als in den vorausgegangenen Phasen passierte- wechselte ich verschiedenste Geburtspositionen, und ich gab dem enormen als positiv empfohlenen Drang, wie mir im Nachhinein mitgeteilt wurde, nach Bewegung nach. So zurückhaltend Julia auch war,  so sehr unterstützte sie mich in dieser Endphase mit sanften, ruhigen und klaren Anweisungen, und einer wohltuenden Stress reduzierenden Rückenmassage, leitete mich an, nach eigenem Empfinden diverse Positionen zu versuchen und war immens offen für mein intuitives Tun, denn wir wussten beide: ich schaffe das.
Die letzte Wehe der Eröffnungsphase. Die Intensivität der Wellen war am Höchstpunkt angelangt. Meine Konzentration auf die Atmung ließ allmählich nach 4 Stunden intensiver Wellen nach, und ich äußerte einen dringenden Wunsch:" Ich möchte doch eine PDA. Ich kann nicht mehr."  Julia beugte sich zu mir, blickte mir in die Augen und sagte:" Tina, du bist schon verstrichen! Dein Baby ist gleich da!" Einer der bewegendsten und stärksten Momente dieser Geburt, die mir ein derartiges Gefühl von Zuversicht und Hoffnung gepaart mit "du hast es geschafft" vermittelten, das ich bis dato noch nie in meinem Leben verspürte. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich im wahrsten Sinne des Wortes aufatmen. Alles, was darauf folgte, war begleitet von einem Gefühl der Leichtigkeit, auch wenn mir noch die gesamte Austreibphase bevorstand. Ich konnte es nicht fassen, als nach nur einer halben Stunde, nach einigen sehr intensiven aber weniger schmerzhaft empfundenen Presswehen mit etwas längerer Pause dazwischen, und nicht nach über 2 Stunden Presswehen unter einer Sauerstoffmaske wie bei Fräuleins Geburt, der Goldjunge zur Welt kam.




Die dritte Geburt

Als das Thema Geburt erneut in den Fokus rückte, und zwar exakt zu einem Zeitpunkt, zu dem ich mich aufgrund der Hormonumstellung in der Frühschwangerschaft unglaublich geschwächt und kraftlos fühlte, machten sich unweigerlich Gefühle von Selbstzweifel und Skepsis breit. "Würde ich es auch dieses Mal schaffen, genauso entspannt und gestärkt in die Geburt zu gehen wie beim letzten Mal?" und das Thema, was mich fest in seinem Bann hatte, war letztendlich der Geburtsschmerz, mit dem ich paradoxerweise bei der letzten Geburt unglaublich gut zurechtkam, da ich ganz bei mir war, und ich mich dank der intensiv Auseinandersetzung mit Atemtechniken aus den Entspannungstechniken und Yoga, die sogar über einen Zeitraum hinweg Teil meines Alltages wurden, ganz auf mich und meinen Körper konzentrieren konnte. In dieser Lebensphase waren die Entspannungstechniken sogar integraler Bestandteil meines Tagesablaufes. Es waren jedoch die intensiven  Empfindungen, die von einer derartigen Naturgewalt begleitet wurden, die letzten Wellen vor der Pressphase, die ich unweigerlich immer wieder in Erinnerung rief, auch wenn ich sehr versöhnlich und gestärkt auf dieses intensive Erleben zurückblicken kann. Um mich diesem Thema und all diesen Emotionen erneut zu widmen, habe ich für mich eine ganz individuelle Form der Geburtsvorbereitung in Gang gesetzt, die ganz undogmatisch auf meinen Erfahrungen beruht und verschiedene Techniken, vor allem aus der Achtsamkeitsleher aufgreift, die auf monatelangen Erprobungen basieren. Sozusagen ein auf mich maßgeschneidertes Geburtsprogramm oder besser ein Sammelsurium an Ideen, auf die ich flexibel zurückgreifen kann, das nur eines zum Ziel hat: ein positives, friedliches und selbstbestimmtes Geburtserlebnis.


Wie ich mich auf die bevorstehende dritte Geburt vorbereite, mit welchen Techniken ich mich vertraut gemacht habe und warum ich nach 3 Jahren wieder Yoga praktiziere, könnt ihr in Kürze in Teil 2 nachlesen!

Wer von euch hat ähnliche oder konträre Erfahrungen gemacht? Wie habt ihr euch auf die Geburt vorbereitet? Und wie war euer Geburtserlebnis?


Eure Tina