06 Dezember 2017

Colors of Life: Perfektionismus versus Schlendrian #maximaCOMEPASS



Sie sehen aus wie aus dem Ei gepellt, sie sind DIE Strahlemenschen schlechthin und verbreiten durchgängig angefangen vom jüngsten bis zum ältesten Familienmitglied gute Laune, und manchmal sehen wir auch nur Detailfotos wie aus dem Hochglanzmagazin, entzückende Füßchen und lange Wimpern im Detail, ein Augenschmaus und Inspiration hoch 10 nicht nur für das Mutterherz. Perfektion im Quadrat, so anziehend fürs Auge und Herz, und doch nur ein Teil des Ganzen. Des oft wilden, chaotischen und lauten Kinderhaushaltes.



Und auch in der Rubrik Interior geht es nicht viel anders zu. Die Wände erstrahlen in reinstem Weiß,  der Boucheroite Teppich ist DER Blickfang des geschmackvoll eingerichteten Zimmers, dessen Mobiliar aus modernem nordischen Design in erlesener Kombination mit hochwertigen Vintage Einzelstücken besteht. Ein wahres Interior Träumchen!



Sie schlafen im süßesten Strickoverall und Organic Body mit Vintage Mützchen gleich einem schlafenden Engel zusammengekauert im Moseskörbchen, fein säuberlich von einem pastellfarbenen Moltondeckchen umrahmt, während von der Wand dekorative Eukalyptuszweige baumeln. Ich muss gestehen, ich nehme sie auf wie ein Sog, diese vor Inspiration überschwappenden Profile auf Instagram, denn sie sind stilvoll und haben Charakter, sie sind farblich aufeinander abgestimmt und die Farbpalette des Feeds ist Perfektion per se. Dennoch scheint es, als wären diese Fragmente des Schönen ein Teil der Inszenierung, und genau bei diesem Punkt entdecke ich mich wieder, und werde ein wenig nachdenklich. Ich sehe mich als Teil dieser Maschinerie, und komme zu dem Entschluss:

„Die gute perfekte Welt voll von wundervoll eingefangenen Momenten ist nur ein winziger Teil unseres Lebens, der u.a. der Repräsentation dient, der auf das Schöne des Familienlebens so ansprechend und bezaubernd wie möglich fokussiert. Mit dem Ziel: verlassen für einen Moment unseren Alltag und richten wir den Blick auf das Positive und das Schöne, das uns unweigerlich in den Bann zieht.“

Ja, auch ich ertappe mich inmitten der perfekten Bühne der Darstellung, des inszenierten perfekten Familienlebens inmitten bezaubernder Natur und #happyfamily Vibes. Die schönen Momente des Lebens einzufangen ist die Kunst, der auch ich verfallen bin. Ich liebe es, diese Momente des Glücks einzufangen, sie festzuhalten und mich daran zu erfreuen. Neben dem oft stressigen Alltag mit kleinen Kindern, mit all seinen Ups & Downs, all den konfliktreichen Momenten unter den Geschwistern, bei deinen schon mal eine geballte Ladung an Emotionalität das harmonische Zusammenleben beeinträchtigt, ist diese Art der Zerstreuung eine willkommene Ablenkung. So ein Funken an Harmonie in schönen Aufnahmen hat schon etwas Besonderes an sich!
Keine Frage, es ist berauschend, in diese digitale Welt des Schönen einzutauchen, vor allem dann, wenn man selbst die Liebe zur Fotografie, dem Schönen in Detail entdeckt hat. Aber inwiefern spiegelt es den normalen Familienalltag wieder?



Ich habe für mich einen digitalen Raum abseits des "Schönen" gefunden, wo ich unser Familienleben so darstelle, wie es sich ungeschminkt zeigt: in den Instagram Stories und in meinen Alltagsgeschichten hier auf dem Blog. Und mein Vorhaben ist es, auch die Momente des realistischen Alltagslebens in meinen Social Media Feed zu integrieren, oder zumindest hie und da auftauchen zu lassen. Denn im Grunde finde ich ein atypisches Familienfoto mit widerspenstigem und davonlaufendem Kleinkind sowohl realistischer als auch erheiternder, und vielleicht findet sich die oder der eine oder andere genau in diesem Moment wieder, und zaubert sogar ein Lächeln auf die Lippen. #realtoddlerslife wie es leibt und lebt! Auf die Gefahr hin, dass in Folge einige der Follower abspringen mögen. Denn seien wir uns ehrlich: auf diejenigen, die nach einem unperfekten Foto auf das "nicht mehr abonnieren" aktivieren können wir getrost verzichten.



Was ist eigentlich die Bedeutung des Schlendrians

Und ist es per se schlecht, ein Schlendrian zu sein? Nehmen wir den Begriff, der bereits im 15. Jahrhundert auftauchte, einmal genauer unter die Lupe.

"Als Schlendrian wird umgangssprachlich eine langsame, träge, nachlässige und dadurch ineffektive und fehleranfällige Arbeitsweise verstanden. Der Schlendrian entsteht meist durch mangelnde Motivation (...) ", so Wikipedia.

Ursprünglich leitet sich der Begriff vom niederländischen "slenteren" in Verbindung mit "Jahn", was so viel wie einem Arbeitsgang gleichzusetzen ist. Ins Deutsche übersetzt mutet das "Schlendern" eigentlich gar nicht mal so negativ an. Hier ist die Rede von "gemächlichem, ziellosem Gehen". Eine Passage, mit der ich bereits schon einmal in der Auseinandersetzung mit Entspannungstechniken und meditativem Gehen konfrontiert wurde, und zwar im positiven Sinne! Erinnerungen an eine mir bekannte Achtsamkeitsübung aus dem meditativen Gehen tauchen auf. Benötigt es unbedingt ein Ziel und einen zeitlichen Rahmen, oder ist es auch manchmal angebracht, abzuschweifen, und wie man so schön sagt "die Seele baumeln zu lassen"? So viel zum Thema Schlendrian.

Realität und der gute alte Mittelweg?

Und wie sieht es aus im Real Life abseits der Social Media Plattformen, die die eine oder den anderen ganz schön unter Druck setzen können? Ich verrate euch, wie es hier im Hause titantina zugeht.
Wenn nicht gerade ein Fotoshooting mit einem upgecycelten hippen Kleidungsstück á la titantina auf dem Plan steht, machen die Kinder auch schon mal in den buntesten, bequemen Kleidungsstücken, die farblich in keinster Weise harmonieren, die Gegend unsicher. Das Fräulein steht mitunter auf die gewagtesten Kombination wie Gelb und Pink, das sie munter drauf los miteinander kombiniert. Und ich finde es genial, denn so unbeschwert und sorglos, so selbstbewusst und sicher nimmt sie in dieser Weise keinerlei Notiz von dem, was andere von ihr sagen mögen. Das Kind mein Lehrmeister. 

Unser Haus sieht an manchen Tagen aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, zumindest Fragmente davon wie Wohnzimmer, Kinderzimmer und Küche, sprich, die belebtesten Teile des Hauses, und hie und da erspähe ich einen Spinnweben, der sanft von der Decke schwingt. Wenn die Sonne den Raum erhellt, erst dann kommt der Zustand des Fensterglases erst so richtig zum Vorschein: unzählige Tappser von kleinen Kinderhänden auf der Innenseite und Hinterlassenschaften der feuchten Nase der 3 Katzen auf der Aussenseite, alles Normalität. Und ich frage mich immer wieder aufs Neue:" Wie sinnvoll ist eigentlich das Fensterputzen? Ich habe sie doch erst vor 2 Wochen geputzt!"

Unterschiedlichstes Spielzeug angefangen von Bauklötzen über nicht mehr zuordenbare inkomplette Holzteilchen über Unmengen an Miniatur Fahrzeugen, wie sie der Goldjunge sein eigen nennt, und welche als Spielzeug heiß begehrt sind, tummeln sich auf dem Boden und unter der Couch. Hie und da ein offenes Buch, da dem Goldjungen der Impuls überkam, die Bücherlade nach Fahrzeugbüchern durchzuforsten. Und siehe da, ein Apfelburzen hat sich auch seinen Weg unter den Tisch gebahnt.  Wie kam der nur dahin?

Lange Rede kurzer Sinn: im Hause titantina herrscht Spielzeit.



Und: es gibt einfach an jeder Ecke etwas zu tun, ja sogar der Garten quillt über an „To-Dos“, da die  Größe und Unüberschaubarkeit, in der das Unkraut in viel zu rasantem Tempo wuchert, es nicht erlauben würden, einige wenige Tage die Finger davon zu lassen. 
Aber da wären ja auch noch Bad, Kinderzimmer und Schlafzimmer an der Reihe, und eigentlich, ja eigentlich wäre es kein schlechtes Vorhaben, zumindest ein Mal pro Woche eine Reinigungskraft kommen zu lassen. Wenn da nicht die Idee wäre, alles selber machen zu können. Jedes Elternteil, das ein Kleinkind zu Hause hat, kann ein Lied davon singen, nicht wahr?

Fazit: „Schau’n wir mal“. Eine hier oft gehörte Floskel. Denn eigentlich funktioniert es ganz gut, ganzheitlich betrachtet, und im Bewusstsein dessen, dass es hier nie nach minimalistischem Einrichtungsstil und tip top aufgeräumt aussieht, zumindest nicht in absehbarer Zeit, und das Zusammenräumchaos mit Kleinkind im Haushalt tagtäglich ganz von vorne beginnt, helfen wir gemeinsam mit versammelten Kräften zusammen, und sind zufrieden, so wie es ist. Denn wir haben uns für den uns passsendsten Weg entschieden. 

Und so sind wir wieder beim guten alten Mittelweg gelandet. Und bei der Erkenntnis: jede/r macht es so gut, wie er kann, und wie es für sie/ihn passt. Und vielleicht tut ein bisschen Schlendrian uns allen gut?